| ARTIKEL St. Galler Tagblatt 21.9.2006 Sparte:Kultur Knastbruder Schäfer Bedeutende Rolle für den St. Galler Theater-Schauspieler Marcus Schäfer im Schweizer Spielfilm «Chicken Mexicaine» Wer Marcus Schäfer am Theater St. Gallen schätzt, darf sich auf «Chicken Mexicaine» freuen: Im Gefängnisfilm spielt er einen Drogenfreak, der zwischen die Fronten gerät. Ein Bericht von den Dreharbeiten in Basel. marcel elsener In den unheimlichen Kellerräumen des Basler Stadtgefängnisses Schällemätteli weist ein Schild die Richtung «Pilzzucht», «Partyraum», «Bunker», «Labor». Schwerlich zu sagen, ob es für die Filmarbeiten angebracht wurde oder aber dem Alltag entspricht, wie er hier bis vor wenigen Jahren gelebt wurde. Draussen geht ein sonniger Tag zu Ende, als Marcus Schäfer in die Rolle seiner Figur Thomas Morell schlüpft eines Drogensüchtigen, der seiner feinen Herkunft zum Trotz abstürzt und im Knast landet. Underdog mit Drecksarbeit «Schwerdfeger und Thomas bei den Pillen» beschreibt die Tagesdispo des zweitletzten Drehtages Schäfers Szene, für die er aus St. Gallen angereist ist; Schwerdfeger heisst der Gefängnisdirektor, gespielt von Peter Rühring, einem erfahrenen Theater- und Filmschauspieler. Der schimpft nun «absolute Ruhe! Kamera läuft» seinen deutschen Landsmann Schäfer einen «dreckigen Fixer», wie er die befohlene Drecksarbeit kontrolliert. Der Junkie soll alle Utensilien des Drogenlabors in einem Sarg verschwinden lassen. «Du weisst schon, was die da oben machen, wenn sie erfahren, dass du das Liebchen des Direktors bist.» Schäfer, mit manisch-irrem Blick und im Unterleibchen des Underdogs, der nichts zu verlieren hat, grinst nur: «Das wissen sie!» Mit einem versteckten Beweisstück wird der Direktor erpressbar sein. Eine hochkonzentrierte halbe Stunde, und die Szene ist im Kasten. Regisseur Armin Biehler zwinkert zufrieden, die erschöpfte Crew, seit morgens um acht auf den Beinen, freut sich auf «diverse Schnapsklappen nach Drehschluss», sprich offerierte Trinkrunden wegen Geburtstagen oder sonstigen guten Gründen. Längst hat der Abend gedämmert, um drei war Schäfer in die Maske bestellt gewesen, um halb vier hätte er drehen sollen. Er nimmts gelassen, «so läuft das halt beim Film»; ein bisschen ärgerlich nur, dass er um halb elf im «Concerto» mit dem künftigen St. Galler Schauspieldirektor Tim Kramer verabredet war, der erste Einzelgespräche mit den Ensemblemitgliedern absolvierte. Schäfer wird in Basel bleiben, wo er im Hotel und in Zwischenstunden fürs Theater arbeitet: Er studiert den Melchthal-Text für Samuel Schwarz Inszenierung von Schillers «Tell». Gefährlich spannend könnte das werden, zumal er auch als «eine Art Propagandaminister» vorgesehen ist übernächsten Samstag wird mans sehen. Der Abstecher zum Film überrascht nicht bei einem Theatermann, der seine Passion(en) auch neben der offiziellen Bühne lebt, zum Beispiel im «Theater am Tisch» oder als Rock-DJ in der «Soundstube». Zur Rolle in «Chicken Mexicaine» ist Schäfer dank Foto im Verzeichnis des Schauspielverbandes SBKV gekommen Regisseur Biehler wählte ihn unter 350 Köpfen, und zur weiteren Überzeugung half ein Demo, das Schäfer vom Atelier für Sonderaufgaben anfertigen liess. Um als Deutscher glaubhaft einen welschen Bankierssohn mit Gassenerfahrung zu verkörpern, trainierte Schäfer mit zwei Pariser Bekannten in St. Gallen einen französischen Akzent. Erfahrung aus TV-Krimis «Ein bisschen nervös» sei er schon gewesen, als er zur ersten Probe fuhr, vor allem wegen seines Partners Bruno Cathomas, Bündner «Bühnentier» in Berlin und ebenso viel gerühmter Filmschauspieler («Viehjud Levi»). Ein wenig Filmerfahrung hat Schäfer, gebürtiger Niedersachse aus der Peripherie Braunschweigs, indes auch: zwei kleine Rollen in den deutschen Spielfilmen «Nina's Geschichte» und «Heinrich der Säger» sowie in Leipziger TV-Serien von «Tatort» und «Soko». Am Dreh von «Chicken Mexicaine» der Filmtitel bezeichnet ein berüchtigtes allwöchentliches Schällemätteli-Mittagsmenü schwärmt Schäfer von der Faszination des Orts. Tatsächlich erscheint der Bau mit seinen Gängen, Zellen, stacheldrahtbewehrten Mauern, Überwachungskabinen und Stallungen im Innenhof noch so, wie wenn das Gefängnispersonal erst vor wenigen Tagen ausgezogen wäre. In der abgewrackten Zelle, wo sich Morell aufhängen wird, mussten sich die Ausstatter nicht viel einfallen lassen. Ein paar «Auffrischungen», eine Gummipuppe auf die Pritsche gelegt der Rest ist wahrhaftig gelebt: Nebst drastischen Sexszenen, Monstern, Totenköpfen finden sich an den Wänden hingekritzelte Verzweiflungsschreie und trotzige Bekenntnisse wie «Ich bin auch ein Hitler» oder «Ich hasse eure Lügen und doppelte Moral und die sog. Freiheit ist mir scheissegal». Ein Originalspruch aus «seiner» Zelle hat Schäfer seine wohl schwierigste Szene beschert. Da droht einer, die Katze «im Spazierhof totzumachen», wenn man ihn «nicht sofort wieder lieb» habe. Im Film wirbelt Thomas alias Schäfer im Hof eine tiefgekühlte Katze durch die Luft, als Ablenkungsmanöver für einen Fluchtversuch. Das tote Tier mit blossen Händen zu greifen und sich von Dutzenden Statisten angewidert mustern zu lassen, habe Überwindung gekostet, aber «geholfen, in den Wahnsinn hineinzukommen», sagt der Schauspieler. Als wärs nicht genug der Drangsaliererei, musste er sich auch noch verprügeln lassen von dem, der ihn zum Katzenschwung angestiftet hatte. Begeisterter Produzent Von der angestrebten authentischen Knast-Atmosphäre hängt nicht zuletzt der Erfolg des Films ab. Marcus Schäfer braucht sich um seinen Auftritt nicht zu sorgen; «Star» Cathomas begrüsst ihn wie einen Kumpel auf gleicher Augenhöhe, und Produzent Rudolf Santschi begeistert sich: «Für mich ist Schäfer eine Entdeckung. Wie er diese psychisch bedrückende Figur spielt, obwohl er als Typ das Gegenteil verkörpert grossartig!» Am nächsten Morgen wird Marcus Schäfer unweit der verbliebenen echten Basler Fixer in der «Buvette» am Rheinufer sitzen und beim Milchkaffee weiter im Melchthal-Text lesen. Vielleicht sitzt ja beim St. Galler «Tell» einmal sein neuer Fan Cathomas im Publikum. |
|